Chapter 16

Die Melancholie und Traurigkeit, die uns nachhing als wir den Friedhof verließen, klang im Laufe des Nachmittags ab. Jasmin und ich tranken in dem kleinen Café einen Kaffee und wärmten uns in der Sonne von der inneren Kälte. Kurz darauf verabschiedeten wir uns. Ich rief Maja an und fragte, ob ich sie aus dem Buchlädchen abholen sollte. Ich wollte heute einfach nicht allein sein. Am frühen Abend holte ich Maja ab. Sie hatte noch Kundschaft, daher stöberte ich ein wenig durch die Regale. Irgendeinen neuen Schmöker fand ich immer.
Wenig später schlossen wir das Lädchen ab und gingen auf einen Wein zu Luigi. Zum Glück hatte er eine tolle Terrasse, so dass wir die untergehende Sonne genießen konnten.
„Wie war es denn heute Nachmittag?“ erkundigte sich Maja nach der Beerdigung.
„Es war furchtbar! Irgendwie surreal. Einerseits war dieser Park traumhaft schön in der Nachmittagssonne, andererseits war die Trauer der Familie fast greifbar. Ich finde Regenwetter oder Schnee passt viel besser zu so einer Situation.“ Ich stützte meinen Kopf mit der Hand ab und sah Maja an.
„Das verstehe ich. Solche Momente müsste man aus dem Gedächtnis streichen können. Man möchte den Angehörigen helfen und kann es nicht. Egal was man sagt, es ist nie das Richtige.“
„Das stimmt.“ Schweigend nippten wir an unserem Wein als mir etwas einfiel.
„Aber weißt du was?!“
„Was?“ Maja machte große Augen.
„Bee war nicht da!“
„Wie, sie war nicht da?“
„Ja, ich weiß auch nicht. Ich hab sie jedenfalls nirgendwo gesehen. Schon komisch, oder? Die beiden sind doch schon so lange zusammen. Da geht man doch mit, oder nicht?“
„Eigentlich schon. Wer weiß, was da los ist.“
„Merkwürdig.“
Wir plauderten noch über ein paar Dinge, tranken unseren Wein aus und fuhren nach Hause.

Nach diesem Tag war ich ziemlich müde. Ein Stündchen auf der Couch vor dem Fernseher zum Abschalten wäre noch drin und dann ab ins Bett. Es war nur noch ein Tag, dann war Wochenende. Endlich. Die erste Woche nach meinem Urlaub war wirklich anstrengend gewesen. Es fühlte sich an, als lägen diese entspannten Tage auf Sylt nicht erst kurze Zeit zurück sondern bereits mehrere Wochen. So viel hatte sich ereignet seit unserer Rückkehr. Hoffentlich wurde es jetzt etwas ruhiger.
Ich ging ins Bad und machte mich bettfertig, schminkte mich ab, zog Shorts und ein T-Shirt an, goss mir ein weiteres Glas Wein ein und machte es mir auf der Couch gemütlich. In der Schublade der Anrichte fand sich auch noch etwas Schokolade.
Ich war kurz eingeschlafen, als es gegen elf Uhr an meiner Tür klingelte. Ich konnte das Geräusch erst nicht zuordnen und brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Es klingelte wieder. Ich erschrak. Wer konnte das sein um diese Zeit? War Maja etwas passiert? Nein, dann hätte sie vorher angerufen. Meiner Nachbarin vielleicht? Vielleicht war das auch nur ein Trick von Ganoven, die sich Zutritt zu meiner Wohnung verschaffen wollten. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Sady, welcher Einbrecher klingelt zwei Mal, bevor er die Mieterin überfällt? Ich schüttelte den Kopf. Das musste der Wein sein und meine Leidenschaft für gruselige Krimis, die mir bei Dunkelheit manchmal zum Verhängnis wurde.
Ich ging zur Tür und schaute durch den Spion. Dort stand niemand. Sollte ich die Tür öffnen? Ich gab mir einen Ruck und schloss die Wohnungstür auf. Niemand da. Ich schaute über das Geländer nach unten. Vor der Haustür stand Tom.

Chapter 15

Ich hatte mich entschieden, zur Beerdigung von Toms Opa zu gehen. Früher fand ich es unmöglich, wenn alte Leute zu jeder zweiten Beerdigung im Dorf gegangen sind. Heute weiß ich, dass sie viele der Toten wirklich gekannt haben, sich verabschieden wollten und dabei selbst unweigerlich dem Ende immer näher kamen. Oder sie standen einem der Angehörigen nahe und zeigten damit ihre Anteilnahme.
Die Beerdigung fand 15 Uhr auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. Jasmin und ich hatten uns den halben Tag frei genommen und wollten gemeinsam zu der Trauerfeier gehen. Ich stand im Flur vor dem großen Spiegel. Ich hatte mir ein schwarzes Kleid angezogen und schwarze Pumps dazu. Bis zu dem Zeitpunkt als mein Opa vor fast zehn Jahren gestorben war, hatte ich sehr oft schwarz getragen. Als aber meine ganze Familie fast nur noch dunkel gekleidet war, hatte ich das Gefühl von dieser Farbe erdrückt zu werden. Ich bekam keine Luft mehr, wenn ich mich in der Trauer einhüllen musste. Ich verbannte fast alle schwarzen und grauen Kleidungsstücke in die hinterste Ecke meines Schranks. Die neue Bluse, die ich zur Beerdigung das erste Mal getragen hatte, trug ich nie wieder. Es hatte lange gedauert, bis ich schwarz wieder als modisch empfand. Ein seltsamer Beigeschmack war jedoch geblieben.

Gegen zwei stand ich bei Jasmin vor der Tür. Wir hatten noch ausreichend Zeit. Der Friedhof war aber sehr groß und wir waren noch nie dort gewesen. Wir wollten auf keinen Fall zu spät kommen, weil wir uns verirrt und den Weg nicht rechtzeitig gefunden hatten. Auch Jasmin trug ein schwarzes Kleid. Es stand ihr sehr gut. An der Taille verlief ein schmales Samtband, das am Rücken geknotet war, am Ausschnitt waren ein paar kleine schwarze Blüten aufgenäht. Wäre der Anlass nicht so traurig gewesen, hätte ich sie um dieses tolle Kleid beneidet.
Wir fuhren mit dem Auto zum Friedhof, suchten uns einen Parkplatz und machten uns auf die Suche. Es war nicht nur ein Friedhof sondern ein riesiger Park – ein wunderschöner Park. Die Sonne lachte von einem tiefblauen Himmel, das Grün der Bäume leuchtet und Bienen schwirrten von Blüte zu Blüte. Ich wurde von einer seltenen Ruhe erfasst. Die Hektik des Alltags verblasste. Beinahe vergaß ich den Anlass für meinen Besuch in dieser Oase. Wenn es so etwas gab, dann war hier der perfekte Ort um einen geliebten Menschen zur letzten Ruhe zu betten.
Nach fünfzehn Minuten hatten wir die Kapelle gefunden, in der die Trauerfeier stattfinden sollte. Es hatte sich bereits eine kleine schwarze Menschentraube davor versammelt. Soweit ich sehen konnte, war Tom nicht dabei, ich ging also davon aus, dass seine Familie noch nicht angekommen war. Jasmin und ich stellten uns ein Stück abseits der Trauergemeinde. Ich wünschte es wäre bereits vorbei. Wir redeten kaum miteinander und grüßten weitere ankommende Trauergäste mit einem kleinen Nicken.
Kurz vor drei war eine beachtliche Anzahl von jungen und alten Leuten auf dem Friedhof versammelt. Alle hatten Toms Opa auf irgendeine Weise gekannt, hatten mit ihm gearbeitet, gelacht, gefeiert, waren gemeinsamen Hobbies nachgegangen. Man kannte sich bereits aus Kindertagen oder über einen Verein oder stand einem Angehörigen auf die ein oder andere Weise nahe.
Plötzlich senkte sich Stille über die Gruppe. Tom und seine Familie waren eingetroffen. Er stützte seine Oma, die, um Fassung bemüht, neben ihrem Enkel auf die Kapelle zuging um ihrem Mann das letzte Geleit zu erweisen. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie schwer dieser Gang für sie sein mochte. Viele Jahrzehnte hatten sie miteinander verbracht, gemeinsam gelacht und geweint. Jetzt war diese Reise beendet und ihr blieb nichts anderes übrig als sich zu verabschieden und allein weiter zu ziehen. Ihr Arm war bei Tom eingehänkelt, der liebevoll und Kraft spendend ihre Hand hielt. Auf seinem Gesicht spiegelte sich tiefe Traurigkeit, doch seine Augen verrieten, dass er sich sorgte – um seine Oma und auch seine Mutter, die ihren geliebten Vater verloren hatte. Als Tom uns sah, huschte ein ganz leichtes Lächeln über sein Gesicht. Er hatte wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass jemand aus der Agentur kommen würde. Wir konnten ihm nicht wirklich helfen, aber wir wollten ihm zeigen, dass wir in dieser schweren Stunde an ihn dachten.
Es bildete sich ein Gang zwischen der Trauergemeinde, so dass die Familie zur Tür der Kapelle gehen konnte, an der bereits der Pfarrer auf sie wartete. Links und rechts des Ganges nickten die Bekannten und Freunde der Familie zu und murmelten leise Beileidsbekundungen. Beim Pfarrer angekommen reichte dieser erst der Oma die Hände, dann dem Rest der Familie und geleitete sie in das Innere der Kapelle hinein, wo der geschlossene Sarg aufgebahrt war. Ein Schluchzen drang nach draußen an den sommerlichen Tag. Niemand sagte mehr ein Wort. Kurze Zeit später wurde die Flügeltür geöffnet und die Trauergemeinde folgte der Familie in die Kapelle. Wir stellten uns in die letzte Reihe, da keine Plätze mehr frei waren. Es waren so viele Menschen gekommen, dass einige in der Tür und vor der Kapelle stehen mussten. Hier und da murmelten die Leute miteinander, ab und an vernahm man ein leises Schniefen. Ich ließ meinen Blick über die Köpfe der Anwesenden schweifen, bis ich ganz vorn direkt vor dem Sarg Tom uns seine Familie ausmachen konnte. Erst jetzt fiel mir auf, dass Bee nicht dabei war. Ich suchte die Menge ab, konnte ihre roten Haare aber nirgends entdecken. Wie konnte das sein? Ich sah Jasmin an.
„Sag mal“, flüsterte ich, „weißt du wo Bee ist?“
„Ist sie denn nicht hier?“ flüsterte Jasmin zurück und sah nun auch suchend auf die Menschenmenge.
„Ich kann sie auch nicht sehen. Das ist ja merkwürdig.“ Wir sahen uns verwirrt an. Aber bevor wir uns weitere Gedanken machen konnte, setzte leise Musik ein und der Pfarrer schritt an sein Podest.
„Liebe Frau Bergmann, wehrte Angehörige, wehrte Trauergemeinde. Wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Paul Herrmann Bergmann.“ Der Pfarrer hatte eine tiefe, angenehme Stimme. Sie hatte etwas beruhigendes, über allen Kummer erhabenes. Man glaubte ihm, dass er schon viel Leid gesehen und erlebt hatte und der Trost, den er zu spenden versuchte, ehrlich war. Er berichtete über das ereignisreiche Leben von Toms Opa, seiner Zeit im Krieg, wie die Familie wieder zueinander fand, in frühen Jahren ein Kind starb – Toms Onkel – und wie er für seine Familie zum Fels in der Brandung wurde, bis er am Ende seiner Reise angekommen und nun zum Herrn heimgekehrt war. Die Rede war sehr einfühlsam. Aber selbst mir, die mit Paul Bergmann eigentlich nichts verband außer der Freundschaft zu seinem Enkel, kamen die Tränen. Ich fühlte mit der Familie, die diesen Schmerz erleiden musste.
Die Trauergemeinde erhob sich und sprach ein abschließendes Gebet. Wieder erklang leise Musik. Vier Sargträger traten an den Sarg heran, räumten Kerzen und Kränze beiseite und hoben den Sarg an. Langsam verließen sie die Kapelle, gefolgt von der Familie des Verstorbenen, den Freunden und Bekannten. Wir gingen langsam durch den sommerlich leuchtenden Park zur Grabstelle. Dort richtete der Pfarrer noch einmal ein paar Worte an die Trauergemeinde. Danach wurde der Sarg in die Erde hinabgelassen. Toms Oma schluchzte laut auf. Er stützte sie, half ihr, einen Strauß Rosen auf den Sarg zu werfen und nahm sie in den Arm. Er selbst verabschiedete sich mit einer weißen Rose. Tränen liefen über sein Gesicht. Tom geleitete seine Oma an eine Stelle etwas seitlich vom Grab, wo ein Stuhl für sie bereit stand. Auch für Toms Mutter war dieser letzte Abschied schwer. Nach und nach verabschiedeten sich alle Anwesenden am Grab und bekundeten der Familie ihr Beileid. Auch Jasmin und ich ließen eine kleine Rose auf den Sarg fallen und gingen dann kurz zur Familie Bergmann. Toms Oma bemerkte kaum, dass man ihr die Hand gab. Sie schien ganz verloren in ihrer Trauer. Ich umarmte Tom kurz. Es bedurfte keiner Worte. Was sollte man auch sagen? Danach machten Jasmin und ich uns auf den Heimweg. Wir schlenderten durch den Park, ohne viel miteinander zu reden, ganz in Gedanken versunken.
„Was hältst du davon, wenn wir noch irgendwo in ein Café fahren und ein bisschen die Sonne genießen? Mir ist so kalt jetzt.“ Jasmin sah mich fragend an.
„Gute Idee.“
Wir stellten mein Auto bei ihr in der Straße ab und gingen in ein kleines Café in der Nähe. Wir hatten Glück und ergatterten einen Tisch in der Sonne, von dem gerade ein verliebtes Pärchen aufgestanden war. Wir waren beide froh, dass wir nur kurze Zeit Teil dieser Trauergemeinde waren und nun wieder Licht in unsere Seele fließen lassen konnten.

Chapter 14

Das Wochenende verbrachte ich in Urlaubslaune. Am Tag lachte die Sonne von einem stahlblauen Himmel und verwöhnte uns. Die Nächte waren lau, so dass ich lange mit einem Glas Wein auf dem Balkon saß und dann bei weit geöffnetem Fenster schlief. Ich genoss diese faulen Tage und verdrängte jeden Gedanken an die Agentur erfolgreich. Es hätte ewig so weiter gehen können. Doch auch die schönste Zeit hatte einmal ein Ende. Und so riss mich der Wecker Montagmorgen viel zu früh aus meinen Träumen. Ich blieb noch eine Weile liegen, schaute aus dem Fenster in den hellblauen Himmel, hörte den Nachbarn zu, wie sie die Türen schlossen und sich auf den Weg zur Arbeit machten.
Wäre ich nur im Bett geblieben, eingehüllt in meiner Urlaubswelt mit nach Sommer duftenden Gedanken.

Der erste Tag zurück im Büro war meist eigenartig. Einerseits war es ganz schön, alle wiederzusehen und in die gewohnte Betriebsamkeit einzutauchen, andererseits war der Reise weg vom Alltag immer viel zu kurz. Ich versuchte mir meine Entspannung zu bewahren und meine Kollegen nicht mit schlechter Laune zu ärgern. Sie konnten ja nichts dafür, dass sich das Rädchen während meiner Abwesenheit ganz normal weiter gedreht hatte und ich noch nicht bereit war, wieder aufzuspringen.
Ich ging zu Tom ins Büro. Ich hatte ihn den ganzen Morgen noch nicht gesehen. Auf seinem Tisch stapelten sich Ordner und Unterlagen, aber von ihm keine Spur.
„Tom ist die Woche krank.“ Jasmin kam herein, um sich einige Unterlagen rauszusuchen. Ein Ziehen in der Magengegend machte sich breit.
„Was hat er denn?“ fragte ich.
„Weiß ich nicht. Irgendwas mit der Familie, glaub ich.“ Oh nein! Sein Opa!
„Und er hat nichts weiter gesagt?“ bohrte ich nach.
„Du, ich hab nicht mit ihm gesprochen. Er hat wohl nur Karin angerufen und sich krankgemeldet.“ Aus Karin würde ich kein Wort rausbekommen. Die Assistentin von Mr. P konnte geschwätzig sein wie ein Waschweib, aber manchmal war sie einfach nur biestig und tat so als wäre sie die Firmenpolizei und müsste alle Informationen vor den anderen Mitarbeitern beschützen.
Jasmin sah mich fragend an. „Weißt du was da los ist? Er war ja in letzter Zeit auch nicht so gut drauf.“
„Nee, auch nicht so genau“, versuchte ich abzulenken. „Wer weiß.“
Sollte ich ihn anrufen? Aber was, wenn es seinem Opa wirklich sehr schlecht ging, dann störte ich womöglich nur.
Ich entschied mich, am Abend anzurufen. Da wäre er sicher nicht mehr im Krankenhaus. Ich könnte auch Bee anrufen und nachfragen. Wir hatten bisher zwar nicht sehr viel miteinander zu tun gehabt, aber sie war eigentlich ganz nett und durch Zufall hatte ich auch ihre Telefonnummer. Wir waren an einem Wochenende zum Kanufahren verabredet gewesen und Tom und Bee hatten sich irgendwie verfranst und den Treffpunkt nicht gefunden. Da hatte er mich von ihrem Telefon aus angerufen.
Wenn ich ihn heute Abend nicht erreichen würde, wäre das eine Möglichkeit herauszubekommen, wie schlimm die Situation war.

Gegen Mittag setzte ich mich mit Jasmin zusammen und wir gingen die Geschehnisse der letzten Woche durch. Es war nichts Nennenswertes passiert, keine Dramen, keine großartigen Erfolge. Daher brauchten wir nicht lange und ich war schnell wieder allein in meinem Büro. Die gute Laune und die Erholung des Urlaubs waren einem unguten Gefühl gewichen. Ich machte mir Sorgen um Tom. Die ganze Situation um seinen Opa nahm ihn sehr mit. Eigentlich wäre es dem alten Herrn zu wünschen, dass er bald friedlich einschlafen würde und keine Qualen leiden müsste. Dass er nicht erleben müsste, wie er von fremden Menschen gewaschen und gepflegt wird. Dass er in Würde gehen konnte.
Ich seufzte und machte mich wieder an die Arbeit. Am Nachmittag rief mich Maja an, um mir zu erzählen, dass wir noch weitere Zusagen für den Lesemonat erhalten hatten. Ich freute mich mit ihr und berichtete ihr von Tom.
„Oh, das klingt nicht gut. Aber vielleicht will er auch nur seine Mutter unterstützen oder sowas.“ Maja hatte recht. Vielleicht malte ich mir auch nur übertriebene Horrorszenarien aus. Vielleicht waren Arbeit und Familie momentan ein bisschen viel und er brauchte Zeit, um Kraft zu tanken.

Gegen neun Uhr klingelte mein Telefon. Tom. Ich hatte früher am Abend versucht ihn zu erreichen, aber sein Handy war abgeschaltet. Ich hatte dann doch nicht Bee angerufen, das schien mir zu dramatisch.
„Hallo Tom! Wie geht es dir? Ich hab gehört, du bist krank.“
„Sady …“ Seine Stimme klang müde, kraftlos. „Es geht so.“
Ich wusste nicht, ob ich nachhaken sollte.
„Mein Opa. Er ist Freitag gestorben.“ Ich schluckte. Also doch. Wie reagierte man jetzt angemessen? Ich wusste genau, wie Trauer sich anfühlte, welche Stadien man durchlief. Und doch wusste ich nicht was ich sagen sollte. Warum hatte ich angerufen? Ich hätte hinfahren sollen! Mein Magen zog sich zusammen.
„Oh Tom! Das tut mir so leid.“ Er atmete schwer und schluckte. Er bemühte sich, die Fassung zu bewahren.
„Es ist besser so für ihn“, sagte er und räusperte sich.
„Und trotzdem ist es schlimm.“ Eine Pause entstand.
„Kann ich dir irgendwie helfen? Soll ich in der Agentur Bescheid geben?“
„Das wäre gut.“
„Gut. Mach dir keine Sorgen wegen der Arbeit. Das bekommen wir alles hin. Kümmere du dich um deine Familie. Das ist jetzt wichtiger.“
„Hmm.“ Ich konnte seinen Schmerz beinahe fühlen. Und doch konnte ich ihm nicht helfen.
„Tom …“
„Hmm?“
„Du weißt, du kannst jederzeit anrufen, wenn was ist.“
„Ja.“
Pause.
„Gut, ähm, dann …“, ich seufzte.
„Die Beerdigung ist am Donnerstag.“ Toms Stimme war rau, so als hätte er sie lange nicht benutzt.
„Okay.“ Mensch Sady, sag irgendwas!
Pause.
„Ich muss jetzt Schluss machen.“
„Ist gut.“
„Tschüß.“ Tom legte auf.
Ich legte das Telefon neben mich und rollte mich auf der Couch zusammen. Obwohl es draußen noch um die 20 Grad hatte, war mir kalt.

Chapter 13

Sonntagabend reisten Maja und ich auf Sylt an. Unser Hotel hielt was es versprach. Die reetgedeckten Häuser waren wunderschön und einladend. Am Empfang wurden wir mit einem Glas Champagner begrüßt, bevor man uns unter das Dach führte. Unser Zimmer war in einem warmen Crémeton gehalten. Das Ambiente war schlicht aber stilvoll und elegant. Auf einem kleinen Tischchen stand frisches Obst bereit und die Betten waren ein Traum aus weißen, weichen Kissen. Wir fühlten uns wie zwei Prinzessinnen.
Nachdem wir unsere Taschen ausgepackt hatten, machten wir uns auf zu einem Streifzug durch das Gebäude. Es gab einen gemütlichen Wellnessbereich, der keine Wünsche offen ließ, einen eleganten Speiseraum und zwei hauseigene Restaurants. Maja und ich gönnten uns ein leckeres Abendessen, stießen noch einmal auf ein paar entspannte Urlaubstage an und ließen den Abend bei einem Strandspaziergang ausklingen.

Am nächsten Morgen wurden wir von Sonnenstrahlen geweckt, die durch die Vorhänge blitzten. Ich hatte tief und fest geschlafen, wie ich es nur selten in einem fremden Bett tat. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits kurz nach 10 Uhr war. Zum Glück gab es Frühstück bis 12 Uhr, so dass wir es trotz allem ruhig angehen lassen konnten.
Es folgten drei, vier sonnenverwöhnte Tage. Wir hatten uns Fahrräder ausgeliehen und erkundeten die Insel auf sportliche Weise, lagen mit einem dicken Schmöker im Strandkorb, warfen uns in die kalten Fluten der Nordsee und klönten ausgiebig.
Am letzten Tag wollten wir faul sein und hatten es uns in einem Strandkorb gemütlich gemacht.
„Ach, warum muss ein so toller Urlaub immer so schnell vorbei sein?“ Maja, lag in ihrem türkisfarbenem Bikini neben mir und reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen. „Ich könnte ewig hier bleiben.“
„Das wäre toll. Aber leider kann ich mir das keinen Tag länger leisten.“
Maja lachte. „Spielverderber!“
Ich blinzelte sie an. „Aber du hast recht. Eine Woche ist viel zu kurz. Aber zum Glück haben wir noch das Wochenende in Hamburg und müssen nicht sofort wieder in den Alltag zurück.“
„Ja, das stimmt. Obwohl ich mein Lädchen schon ein bisschen vermisse.“
„Das glaube ich dir gerne. Auf die Agentur könnte ich derzeit allerdings dankend verzichten.“
„Hmm. So schlimm?“
Ich überlegte. „Nee, eigentlich nicht. Aber schön ist es auch nicht. Es läuft einfach nicht rund momentan.“
Jetzt blinzelte Maja auch mich an.
„Aber lass uns darüber nicht jetzt reden. Wir haben Urlaub, traumhaftes Wetter und Probleme und dunkle Gedanken haben Inselverbot.“
Maja setzte sich auf, kramte in ihrer Tasche und holte eine Dose mit Weintrauben heraus. Aus der Kühlbox – ja, wir waren erstklassig vorbereitet – holte sie eine Flasche Sekt und öffnete sie mit einem „Plopp“.
„Auf unseren Urlaub!“ Wir stießen mit Plastiksektgläsern an und naschten Obst. Danach sanken wir zurück in den Strandkorb und ließen uns von der Sonne verwöhnen. Wären wir Katzen gewesen, hätte man uns ganz laut schnurren gehört, so zufrieden waren wir.

Bevor wir am nächsten Tag zurück nach Hamburg mussten, wollten wir die Urlaubswoche am Abend mit einem tollen Essen beenden. Wir hatten vor zwei Tagen am Strand Paula und Jutta kennengelernt. Mutter und Tochter kamen auch aus Hamburg und gönnten sich ein Mal im Jahr ein paar Tage allein. Sie hatten uns ein kleines Restaurant am Strand empfohlen, in dem es leckeren gegrillten Fisch gab. Wir hatten einen Tisch bestellt und uns später mit den beiden auf einen Absacker dort verabredet.
„Bin ich satt! Und es war so lecker!“
„Allerdings. Aber ich könnte nicht einen Bissen mehr essen.“
„Nachtisch müssen wir wohl verschieben.“
„Ja bitte.“
„Wie spät ist es eigentlich?“
„Kurz nach neun. Paula und Jutta hatten sich für halb zehn angekündigt. Das passt ganz gut.“
„Bis dahin kann ich auch wieder normal atmen.“
Wir mussten lachen. Obwohl wir Fisch mit Gemüse gegessen hatten, waren wir so satt, dass wir uns kaum noch bewegen konnten.
„Lass uns einen Espresso bestellen, das ist jetzt genau richtig.“
Wir plauderten über dies und das, als Paula und Jutta zu unserem Tisch kamen.
„Na ihr beiden“, sagte Jutta lachend, „ ihr seht so aus, als hätte es geschmeckt.“
„Hallo ihr zwei! Es war phantastisch. Lieben Dank für den Tipp!“
Die beiden setzten sich zu uns.
„Wie war euer Tag? Ihr habt auch gut Sonne abbekommen, was?“ Die beiden hatten rote Wangen und Nasen und goldene Strähnen in ihrem dunkelblonden Haar.
„Wir waren faul und haben den ganzen Tag am Strand verbracht. Und ihr?“
„Wir auch.“ Wir lachten.
„Perfekt. Worauf habt ihr Lust? Sollen wir eine Flasche Wein bestellen oder lieber Cocktails?“
„Oh, ich hab Lust auf einen Cocktail,“ sagte ich. „Irgendetwas fruchtiges.“
„Ja, ich auch.“
„Gut, dann lasst und bestellen.“ Jutta winkte den Kellner heran und bat um die Karte.
Paula war wie Maja und ich Ende zwanzig und hatte Medizin studiert und sich auf eine Assistenzstelle in England beworben. Jetzt wartete sie ungeduldig auf Antwort. Jutta, Mitte fünfzig, arbeitete als Technische Zeichnerin in einem Architekturbüro und man merkte ihr an, dass in ihrer Brust zwei Herzen schlugen. Einerseits hoffte sie mit ihrer Tochter auf die Stelle in einer renommierten Klinik, andererseits wollte die Mama in ihr das Töchterchen nicht in die weite Welt ziehen lassen.
Unsere Cocktails wurden serviert und wir stießen auf einen schönen Abend an.
„Prost Mädels! Schön, dass wir uns getroffen haben“, freute sich Jutta.
„Prost! Und das wiederholen wir bald mal in Hamburg.“
„Unbedingt. Zum Glück ist Sylt ein ferner Stadtteil von Hamburg und man lernt hier viele ‚Nachbarn’ kennen.“

Der Abend endete spät und feucht-fröhlich. Gegen drei Uhr morgens verabschiedeten wir uns von den beiden anderen und machten uns mit einem ordentlichen Schwips Richtung Hotel auf.
Am nächsten Morgen genossen wir ein ordentlichen Frühstück und fuhren gut erholt bei strahlendem Sonnenschein nach Hamburg zurück.

Chapter 12

Ich kam spät aus der Agentur und wollte nur noch meine Ruhe. Der Tag war sehr anstrengend gewesen. Ich wusste, dass sich unser Team nichts vorzuwerfen hatte. Dennoch setzte mir der Anpfiff vom Chef zu. Ich freute mich auf ein heißes Bad, ein Glas Wein und dann einfach nur noch ab ins Bett. Ich musste nur noch zwei Tage überstehen, dann hatte ich eine Woche Urlaub.
Ich machte mir Sorgen wegen Tom. Wenn er jetzt ausfallen würde, wäre mein Urlaub in Gefahr. In seiner momentanen Stimmung war dem Chef zuzutrauen, dass er uns vor die Wahl stellte und nur einer Urlaub nehmen konnte. Ich wünschte mir sehr, dass es nicht dazu kommen würde.
Ich ließ heißes Wasser in die Wanne laufen, gab einen Schuss Badezusatz hinzu und entkorkte eine Flasche Rosé. Manche Tage müsste man aus dem Kalender streichen können.

Am nächsten Morgen fuhr ich eine Stunde früher ins Büro. Ich wusste nicht, ob Tom zurück war und seine Arbeit musste auch erledigt werden, zumindest das Nötigste. Da unser Team nicht sehr groß war und ich bereits die letzten Wochen immer mal bei ihm eingesprungen war, lag es nahe, dass ich ein Auge darauf haben würde. Aber auch ich musste meine Arbeit „urlaubsfein“ machen und für Jasmin zur Übergabe vorbereiten.
Als ich in der Agentur ankam, war Tom bereits da. Zum Glück! Ich hatte keine Lust auf meinen Urlaub zu verzichten, auch wenn das im Vergleich zum Verlust eines geliebten Menschen nicht so schlimm war.
„Ich hab eine Teambesprechung für 10 Uhr einberufen – ohne Mr. P. Wir sollten versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, und können zeitgleich die Urlaubsübergabe besprechen.“ Tom stand in meiner Bürotür, während ich mein Jackett auf den Bügel hing und meinen Rechner hochfuhr.
„Das ist eine gute Idee. Wer weiß was da noch so kommt. Bei unserem Glück verlieren wir auch das nächste Projekt oder der Autor schlägt nicht so ein wie erwartet.“
„Mal den Teufel nicht an die Wand!“
„Wie geht es dir? Du siehst besser aus. Was macht dein Opa?“
Tom seufzte. „Es war ein Schwächeanfall. Es geht ihm den Umständen entsprechend. Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen, ja?“
„Okay.“ Ich sah ihn prüfend an, aber seiner Miene war nicht zu entnehmen, ob er die Situation nur herunterspielte oder ob er einfach nur zu müde war, um darüber zu sprechen.
„Tom, ich hab mit Jasmin abgesprochen, dass sie meine Vertretung dieses Mal macht. Dann wäre es kein Problem, wenn du spontan, na ja … weg müsstest.“
„Hmm.“
Wir dachten beide daran, dass es beim nächsten Mal das letzte Mal sein könnte, dass er zu seinem Opa gerufen wird. Ich wollte ihn gern auf Bee ansprechen. Ihn fragen, was sie zu der ganzen Situation sagte. Aber ich traute mich nicht. Beim letzten Mal war das nicht so gut angekommen. Und eigentlich ging es mich auch nichts an.
„Okay, wir sehen uns dann später. Wir könnten auch noch zusammen Mittag machen? Bist ja nächste Woche nicht da.“
„Sehr gerne. Bis später dann!“

Der Tag verlief ruhig. Keiner von uns hatte bahnbrechende Ideen, wie wir die vertrackte Situation lösen konnten, also entschieden wir uns, einfach wie bisher weiter zu machen und hofften, dass das nächste Projekt erfolgreicher war.

Am Freitag übergab ich meine Sachen Jasmin und verabschiedete mich von Tom.
„Halt die Ohren steif!“
„Ja, ja. Es wird schon. Genieß du mal richtig deinen Urlaub und lass dir den Wind um die Ohren wehen. Dann kannst du schön entspannt hier ins Chaos zurückkehren.“ Er grinste mich schief an.
„Ich werde mir dort einfach einen reichen Schnösel schnappen und dann bin ich nur noch Hausfrau. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“.
Wir mussten beide lachen.
„Viel Erfolg!“