Chapter 7

Freitag war Mädelsabend angesagt. Ich fuhr direkt von der Agentur zu Majas Buchlädchen. Ich kannte Maja schon aus dem Kindergarten, und bereits damals war kein Bilderbuch vor ihr sicher. Während unseres Studiums stapelten sich in unserer Wohnung bergeweise dicke Schmöker – Thriller, Schnulzen, Sachbücher, Kinder- und Jungendbücher. Wir hätten jeder Bibliothek Konkurrenz machen können. Vor einem Jahr hatte Maja genug Geld zusammengespart und konnte sich ihren größten Traum erfüllen: ein eigenes Buchgeschäft. Das Buchlädchen war inzwischen mein zweites Wohnzimmer. Es gab nicht nur uralte Regale mit vielen tollen Büchern sondern auch 2 große gemütliche Sofas und 2 Sessel, in denen ich für Stunden versinken konnte. Da Maja wollte, dass niemand nach fünf Minuten wieder ging, gab es auch eine Kaffee-Bar und ihre Mutter versorgte sie jeden Tag mit diversen frisch gebackenen Kuchen.
Als ich ankam, stand Maja neben einer älteren Dame und einem kleinen Mädchen, das vermutlich ihre Enkelin war, vor dem Kinderbücherregal. Das Mädchen strahlte über das ganze Gesicht.
„Wir haben schon in dem großen Buchhaus in der Innenstadt nachgefragt, aber dort konnte man uns nicht helfen. Toll, dass wir das Buch heute noch hier gefunden haben“, freute sich die Dame.
„Es freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte. Möchte die junge Dame noch einen Kakao bevor sie mit der Oma zum Schmökern nach Hause geht?“ Die Kleine blickte fragend zu ihrer Großmutter.
„Für Oma haben wir auch Kaffee da“, sagte Maja freundlich an die ältere Dame gerichtet. Oma und Enkelin nahmen das Angebot gerne an und gingen an die Kaffee-Bar. Es freute mich, zu sehen, dass das Buchlädchen inzwischen so erfolgreich lief. Zu Beginn war es schwer sich gegen die großen Buchhäuser durchzusetzen, aber es hatte sich herumgesprochen, dass man hier nicht nur Bücher bekam, sondern auch leckeren Kuchen. Und Maja merkte man ihre Leidenschaft für Bücher an. So hatte sie es geschafft, in knapp einem Jahr einen kleinen Stammkundenkreis aufzubauen.
Ich blätterte gerade in dem Prospekt mit Neuerscheinungen, als Maja zu mir rüber kam.
„Hey Sady! Schön, dass du schon da bist.“ Wir umarmten uns zur Begrüßung.
„Wenn die beiden Ladies fertig sind, mache ich das Lädchen zu. Dann können wir zu Luigi gehen, Pizza essen und Prosecco trinken. Ich hab schon einen Tisch bestellt.“ Auf Maja war Verlass.
„Super, ich komme um vor Hunger!“
„Geht mir ähnlich.“ Maja grinste mich an.
„Es läuft momentan ganz gut, oder?“
„Ja, aber es könnte noch besser sein. Auf jeden Fall komme ich gut über die Runden.“
„Was hältst du denn von einer Lesereihe oder einem festen Lesetag für Kinder, oder sowas?“ Ich hatte schon öfter darüber nachgedacht, dass solche Veranstaltungen gut zu Majas Konzept passten.
„Daran hatte ich auch schon gedacht. Lass uns nachher bei der Pizza weiter darüber sprechen. Da fällt uns sicher noch was Schönes ein.“ Maja hatte immer ein bisschen Angst, ihr Konzept weiter auszubauen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, mussten wir aber noch mehr Leser an das Buchlädchen binden. Und ich hatte auch schon eine Idee.
Die ältere Dame und ihre Enkelin verabschiedeten sich von Maja und versprachen, bald wiederzukommen.

Eine Stunde später saßen wir bei Luigi. Das nette italienische Restaurant war nicht weit von Majas Wohnung entfernt und inzwischen zu unserem Lieblingsitaliener geworden. Den ersten Prosecco spendierte uns Luigi meist auf Kosten des Hauses. Wir teilten uns eine große Pizza und danach natürlich Tiramisu. Luigis Tiramisu war das weltbeste, dass ich jemals gegessen hatte.
„Oh man, war das wieder lecker!“ Maja lehnte sich zurück und strich sich Kakaostaub vom Kinn.
„Allerdings. Das bedeutet aber auch eine Runde extra um die Alster. Dieses Tiramisu hat mindestens 2000 Kalorien!“ Wir mussten beide lachen.
Wir gossen uns noch einmal Prosecco nach.
„Sag mal, hat sich eigentlich dieser Typ von deinem AB noch mal gemeldet?“
„Oh, das hätte ich jetzt beinahe vergessen!“ Ich berichtete Maja von Marcs Anruf am Mittwochabend.
„Hmm. Und nun?“
„Was, und nun?!“ Ich sah Maja fragend an.
„Na ja, du hättest ihn fragen können, ob er sich mit dir trifft.“
„Ja, nee, ist klar“, ich musste lachen. „ ‚Entschuldigen Sie, aber wenn Sie mal wieder in Hamburg sind und Ihre Süße keine Zeit hat, hätten Sie dann was dagegen, sich mit mir auf einen Kaffee zu treffen?’ Gute Idee!“
„Stimmt. Bisschen komisch. Schade, aber vielleicht meldet er sich ja noch mal.“
„Warten wir es ab. Aber sag mal, wegen des Lädchens. Was hältst du davon, wenn du regelmäßig Lesungen veranstaltest. Vielleicht auch was für Kinder?“
„Darüber hab ich auch schon nachgedacht, aber ich weiß nicht so recht.“ Maja stützte ihren Kopf auf ihre Hand.
„Was spricht denn dagegen? Dadurch werden noch mehr Leute auf das Buchlädchen aufmerksam und du vergrößerst deine Stammkundschaft. Logisch, dass nur Lesungen stattfinden zu Themen, die zu deinem Ambiente passen.“
„Sady, du hast doch da schon was Konkretes im Kopf, oder?“ Maja lächelte mich an.
„Wir haben da so einen neuen Autor. Der ist noch ziemlich unbekannt und ich dachte mir, eine Lesereise wäre genau das Richtige für ihn. Und zufällig auch genau richtig für dein Lädchen.“ Maja war noch nicht wirklich überzeugt.
„Ich denk da mal über ein Konzept für dich nach und dann sehen wir weiter, was meinst du?“
„So machen wir das.“ Wir stießen an.
„Bellíssimas! Wasse tute ihre feiern?“ Luigi stand bereits mit Nachschub neben unserem Tisch.
„Ach, Luigi, vielleicht sollten wir mal einen italienischen Abend im Buchlädchen machen? Und du steuerst dein phänomenales Tiramisu bei!“ Wir strahlten ihn an.
„Aber natürliche, alles wasse ihre wollt!“ Luigi lachte rollend, tätschelte uns väterlich die Schultern und ging zurück in die Küche.
Wir ließen den Abend gemütlich ausklingen. Mein Auto ließ ich stehen und fuhr mit dem Taxi nach Hause.

Chapter 6

Die folgenden Tage waren ziemlich stressig. Tom verbrachte viel Zeit mit seinem Opa. Er hatte wohl einen Schlaganfall erlitten und es war fraglich, ob er wieder allein würde leben können. Toms Oma war auch nicht mehr die Jüngste und so stand die Familie vor der schweren Entscheidung, den Opa in ein Pflegeheim geben zu müssen. Ich versuchte Tom in der Agentur so gut es ging den Rücken frei zu halten. Das hieß noch 2 Autoren mehr zu betreuen und bei dem tollen Wetter noch mehr Stunden im Büro zu hocken.
Am Mittwochabend war ich zum Laufen verabredet und schaffte es gerade rechtzeitig an die Alster. Ich wollte erst absagen, denn es schüttete wie aus Kübeln, doch als nach 20 Minuten der Regen aufhörte und die Wolkendecke aufriss, wünschte ich mir, es würde weiterregnen. Bei 25°C war die Luft ganz schwer mit Feuchtigkeit. Wie in den Tropen legte sich ein leichter Film auf die Haut, kaum das man zum Stehen gekommen war. Aber es tat gut. Die Anstrengung vertrieb den Stress der Agentur. Ich spürte jede Faser meines Körpers, die Muskeln in den Waden protestierten gegen die Belastung und doch war es genau das, was ich gebraucht hatte. Vollkommen durchnässt und total erledigt beendete ich die Runde und fuhr nach Hause. Ich ließ mir ein heißes Bad ein, öffnete einen Rosé und machte es mir mit meinem Krimi gemütlich. Das heiße Wasser prickelte auf der Haut. Ich spürte wie sich meine Muskeln entspannten. Ich war von Sport nie sonderlich angetan. Und um ehrlich zu sein, fragte ich mich auch jetzt noch regelmäßig, warum ich mir das antat. Aber das Gefühl danach war meistens toll. Man fühlte sich so voller Energie und Leben – auch wenn gewisse Zipperlein erst nach Tagen wieder verschwanden.
Ich war komplett in der Story versunken, als mein Telefon klingelte. Der Mörder beschrieb gerade ausführlich, wie er sein neuntes Opfer auf brutalste Weise hingerichtet hatte und ich zuckte erschrocken zusammen. Seit ich einmal ein Telefon in der Badewanne ertränkt hatte, ließ ich solche Technik nicht mehr in die Nähe meines Badezimmers. Ich wollte aber auch noch nicht aus dem warmen Nass heraus, also ließ ich es klingeln. Der AB sprang an.
„Jetzt mache ich mir aber wirklich Sorgen! Tina, hier ist Marc. Bitte melde dich bei mir! Ich werde noch ein paar Tage länger in London bleiben. Hier noch mal die Nummer: 0044 20 64833980. Meld dich!“
Wie von der Tarantel gestochen sprang ich aus der Wanne. Halt! Stopp! Nicht auflegen!! Zu spät. Als ich am Telefon war, hatte er bereits aufgelegt. Um mich herum bildete sich eine Pfütze mit kleinen Schaumkronen. Ich schlitterte zurück ins Bad, warf ein Handtuch auf die Pfütze und stieg wieder in die Wanne. Zurückrufen konnte ich auch noch in einer halben Stunde.
Marc hieß die Samtstimme also. Und Tina seine Süße. Ich nahm meinen Krimi und widmete mich wieder dem Todesspiel des Mörders. Aber immer wieder schweiften meine Gedanken ab. So viel zu meiner Entspannung. Ich ließ das Wasser raus und kümmerte mich um die nassen Tapsen im Flur. Sollte ich wirklich zurückrufen? Ja, er schien sich Sorgen zu machen.
Ich trocknete mich ab, zog mir etwas Gemütliches an und nahm den Hörer in die Hand. Es klingelte.
„This is the voicemail of Marc Sunders. Please leave a message after the tone or contact my assistant Nancy Wagner under 020 64834781. Thank you.”
Ich legte auf. Prima! Da macht der Herr sich Sorgen und war dann nicht erreichbar!
Eine halbe Stunde später klingelte das Telefon erneut.
„Ja, hallo?“
„Oh, ähm, Tina?“ Er klang verwirrt.
„Nein, hier ist Sady. Sie haben wohl die falsche Nummer. Sie haben mir schon mehrfach auf den AB gesprochen.“
„Oh, verstehe! Entschuldigen Sie bitte! Kein Wunder, dass sie sich nicht meldet. Wahrscheinlich ist sie schon ganz krank vor Sorge, weil ich mich nicht melde!“
„Wahrscheinlich.“
„Entschuldigen Sie nochmals. Aber danke für den Rückruf.“
„Gerne. Haben Sie denn jemanden, den Sie kontaktieren können, um die richtige Nummer herauszufinden?“ Das ging mich überhaupt nichts an!
„Ähm, ich müsste meine Assistentin fragen.“
„Gut.“
„Ja. Sorry. Ich muss jetzt los. Vielen Dank noch mal.“
„Keine Ursache.“
„Bye!“
„Bye.“
Wow, also eins musste man dem Herrn ja lassen. Seine Stimme war atemberaubend. Schade eigentlich, dass er nun keine Nachrichten mehr hinterlassen würde.

By the way ...

Übringes, Kommentare zu den einzelnen Kapiteln sind ausdrücklich erwünscht!! :)

Sady

Chapter 5

Müde schloss ich die Tür zu meinem Büro auf. Das angenehme Sommergewitter hatte sich in der Nacht zu einem ordentlichen Unwetter entwickelt. Unsanft war ich gegen vier Uhr aus meinen Träumen gerissen worden und hatte dann Schwierigkeiten wieder einzuschlafen. Als dann gegen sieben Uhr der Wecker klingelte war ich noch so tief im Schlaf versunken, dass das Aufstehen eine Qual war. Die Wolken hingen tief über der Stadt und drückten auf die Stimmung. Nieselregen und frische Temperaturen ließen das sommerliche Wochenende in weite Ferne rücken.
Ich hängte meine Jacke auf den Bügel, packte frisches Obst in eine Glasschale und schaltete den Rechner an. Eine Tasse schwarzer Tee mit Milch würde jetzt sicher gut tun. In der Küche traf ich auf Tom.
„Hey Tom. Wie war dein Wochenende? Hat dich Bee wieder aufs Land verschleppt?“ fragte ich während ich den Wasserkocher anstellte.
„Nein, ich war auf Balkonien“, sagte er recht einsilbig. Ich schaute auf und sah ihn fragend an.
„Was?“ blaffte er mich an.
„Wow, da hat ja jemand gute Laune!“
„Bei dem Wetter …“ knurrte er. Tom nahm seinen Kaffee und ging in sein Büro.
Irgendetwas stimmte da nicht. Er war schon die letzten Tage grummelig über die Flure geschlichen, arbeitete bis spät in die Nacht und hatte kaum Zeit zum Plaudern.
Ich kochte meinen Tee auf, ließ eine Tablette Süßstoff in die Tasse fallen und goss Milch dazu. Auf dem Weg zurück in mein Büro blieb ich kurz an Toms Tür stehen.
„Wollen wir heute zusammen Mittag essen?“ fragte ich und lächelte ihn entschuldigend an.
„Keine Zeit.“ Hier stimmte irgendwas absolut nicht.
„Schade. Sag Bescheid, wenn du es dir anders überlegen solltest … oder einfach nur mal reden möchtest.“ Ich wartete noch einen Moment und ging in mein Büro.
Ich öffnete mein Outlook und machte mich an die Arbeit, vertiefte mich in ein Manuskript, das neu angekommen war. Es las sich recht gut. An der einen oder anderen Stelle müsste nachgearbeitet werden, aber es war nicht schlecht. Kurz vor elf erhielt ich eine Mail von Tom. Tut mir leid wegen heute Morgen. Hast du Lust auf Pasta? Tom. Was für eine Frage! Ich hatte immer Lust auf Pasta. Tom wusste das. Ich hole dich 12 Uhr ab. Sady.

„Einmal Pasta mit Gorgonzola und Spinat bitte und einmal Pasta Funghi.“ Tom und ich saßen bei unserem Lieblingsitaliener. Ich hatte einen Tisch ausgesucht, der etwas versteckt war. Um diese Uhrzeit wimmelte es hier nur so von Kollegen.
„So, und jetzt raus mit der Sprache. Was ist denn los mit dir? Du bist schon seit Tagen schlecht drauf.“
Tom kratzte an Kerzenwachs herum, das auf die Tischdecke gekleckert war.
„Ach, eigentlich ist gar nichts. Ich bin einfach nicht so gut drauf, das ist alles.“ Er pulte weiter an der Tischdecke herum.
„Ah ja. Deshalb sitzt du hier also wie ein Trauerkloß, weil EIGENTLICH gar nichts los ist.“
Er schaute auf. Etwas Trauriges lag in seinem Blick.
„Mein Opa liegt im Krankenhaus. Es sieht nicht gut aus.“ Oh weh! Tom war bei seiner Mutter aufgewachsen und kannte seinen Vater kaum. Er hatte ein sehr enges Verhältnis zu seinem Opa.
„Das tut mir leid!“ Ich nahm seine Hand.
„Warum hast du denn nichts gesagt? Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Ich weiß auch nicht. So ist das eben im Alter. Da kann man nichts machen.“ Er schaute traurig aus dem Fenster.
„Ach, jetzt red doch nicht so! Du hast genügend Überstunden, also sieh zu, dass du diese Woche immer früh hier verschwindest und zu ihm ins Krankenhaus fährst. Es dankt dir hier keiner, wenn du dich aufopferst. Und wenn etwas Dringendes ist, kann ich dir helfen.“ Er starrte weiter aus dem Fenster.
„Hörst du, Tom?“
„Ich glaube, er wird sterben. Er hatte ein langes Leben, hat viel erlebt, eine große Familie – keine Frage. Aber muss es jetzt so enden? Muss es überhaupt enden?“ sprudelte es aus ihm heraus. Wie gut konnte ich ihn verstehen.
„Es tut mir so leid. Ich weiß, was du jetzt fühlst. Verbring so viel Zeit mit ihm wie möglich. Er wird sich freuen. Und so schwer wie es ist, wenn die Zeit gekommen ist, musst du ihn gehen lassen. Er wird immer ein Teil von dir sein.“
Die Bedienung kam an unseren Tisch und stellte zwei Teller mit dampfender Pasta auf den Tisch. Keiner von uns hatte jetzt noch Appetit auf Pasta. Wir stocherten schweigend in den Nudelbergen herum. Tom seufzte.
„Wie war denn dein Wochenende so?“ er wollte nicht weiter über das Thema reden.
„Ich hab die Sonne genossen. War im Stadtpark und an der Ostsee. Und wurde mal wieder auf eine Hochzeit im Herbst eingeladen.“
Dankbar über den Themenwechsel griff Tom das Thema auf.
„Mal wieder? Wen nimmst du diesmal mit?“
Ich verdrehte die Augen.
„Ha, ha. Sehr witzig, Herr Kollege! Vielleicht möchtest du mich ja begleiten?“
„Bee wird begeistert sein, wenn ich mit ner anderen Frau zu einer Hochzeit gehe.“
„Siehste! Nicht mal du willst mit mir da hingehen!“ Ich grinste ihn an. Ich war froh, Tom etwas aufgeheitert zu haben. Die Sache mit seinem Opa schien ihn sehr zu belasten. Das Theater in der Agentur war dagegen so albern! Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn die letzten Tage mit diesen Lappalien so in Beschlag genommen hatte und er mit wirklichen Problemen kämpfen musste. Die nächste Zeit würde schwer für ihn werden.

Chapter 4

Die Woche ging ähnlich chaotisch weiter, wie sie bereits begonnen hatte. Unser Team arbeitete mit voller Kraft an einem Konzept, das von der Dollberg beim Chef präsentiert wurde und sie dafür das Bienchen bekam. Toms Laune wurde im Laufe der Woche etwas besser und der Alltag hatte uns wieder. Heute war nun endlich Freitag und ich war froh bei dem tollen Wetter ein paar Tage ausspannen zu können. Die Sonne lachte vom Himmel und die trübe Stimmung im Büro hellte sich merklich auf. Keiner hatte richtige Lust viel zu arbeiten und war mit den Gedanken längst am Strand. Ich packte daher recht zeitig meine Sachen zusammen, verabschiedete mich ins Wochenende und steuerte mit einer Kollegin den nächsten Biergarten an. Wir genossen den ersten lauschigen Sommerabend bei einem Glas Wein und ließen die Seele baumeln.
Leicht beschwipst von Sonne und Wein kam ich später am Abend nach Hause und freute mich auf mein Bett. Die Woche war anstrengend gewesen.
Als ich aus der Dusche stieg blinkerte mein Anrufbeantworter. Hatte ich das Telefon nicht gehört? Ich drückte die rote Taste um die Nachricht abzuhören.
„Sie haben neue Nachrichten. Nachricht eins. Heute 18:30. Nachricht: ‚Hallo meine Süße! Ist bei dir alles ok? Hier ist es toll. Die Sonne lässt sich inzwischen blicken und du weißt wie schön London im Sommer ist. Ich war gestern Abend in dieser tollen Bar, in der wir so oft gewesen sind. Erinnerst du dich? Wo treibst du dich eigentlich die ganze Zeit rum? Ich rufe bald wieder an.’“ Die Samtstimme wieder!! Ich glaub’s ja nicht! Den hatte ich total vergessen. Hat sich ja ganz schön Zeit gelassen, bis er sich wieder bei der Süßen gemeldet hat. Hmm. Die ist bestimmt schon sauer, weil er sich nicht meldet. Ich muss wohl doch mal Bescheid geben, dass er die falsche Nummer hat. Morgen, nicht mehr heute. Ich ließ mich ins Bett fallen. Fast augenblicklich war ich eingeschlafen.

Die Sonne lachte und auf mich wartete ein Wochenende ganz ohne Termine. Traumhaft! Es war erst neun Uhr, aber ich war putzmunter. Ich zog meine Laufsachen an, bespielte meinen iPod mit neuer Musik und fuhr an die Alster. Das Wasser glitzerte silbern, die ersten Segelboote waren unterwegs und auch ein paar frühe Ruderer zogen ihre Bahnen. Ich startete meine Runde und genoss die leichte Brise, die vom Wasser herwehte. Mein Kopf war wunderbar frei, der Stress der vergangenen Woche fiel von mir ab. Zurück am Auto rief ich Maja an und verabredete mich für den Nachmittag mit ihr im Stadtpark. Wie lange hatten wir auf den Sommer gewartet! Und hier war er nun in all seiner Pracht.
Zu Hause angekommen öffnete ich den Briefkasten und holte die wenige Post raus, die der Postmann eingeworfen hatte. Ein cremefarbener Umschlag? Was kann das denn sein? Oh, nein, bitte nicht ... Oh doch. „Wir trauen uns und möchten das mit dir feiern. Wir laden dich herzlich zu unserer Hochzeit am ...“ Ich ließ das Kärtchen sinken. Wie schön. Hochzeiten sind etwas ganz tolles, aber nicht, wenn man dazu zwei bis drei Mal im Jahr eingeladen ist und dann auch noch ohne männliche Verstärkung dort aufschlagen musste. Einmal war ich tatsächlich der EINZIGE Single auf der Hochzeit! Mal abgesehen vom Nachwuchs unter 14. Heißt es nicht, auf Hochzeiten kann man super flirten und lernt tolle Männer kennen? Wie soll das denn aussehen? Ich kann doch keiner Frau auf einer Hochzeit den Kerl ausspannen! Am Liebsten würde ich absagen, aber dafür sind Hochzeiten zu wichtig, als dass persönliche Befindlichkeiten wie der scheinbar niemals enden wollende Single-Status eine Rolle spielen sollten. Alternative? Ich kaufe mir einen Mann zum mitbringen. Vielleicht sollte ich langsam mal ernsthaft über diese Möglichkeit nachdenken ... im Film verliebt sich dieser meist etwas schrullige Typ dann in die tolle Frau, die auf wundersame Weise noch Single ist, und dann folgt das Happy End. Hmmm ... ich deponierte die Einladung erstmal im Bücherregal. Ich hatte ja noch 4 Wochen Zeit für eine Zusage und ganze 5 Monate, um nicht allein dort aufzutauchen. Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben.

Was war das für ein tolles Wochenende! Endlich Sommer! Angrillen im Park, Chillen im Strandkorb an der Ostsee und zum krönenden Abschluss ein richtiges Sommergewitter. Was will man mehr?! Ich lag im Bett und war gemeinsam mit Kommissar Ciccotelli in den Ermittlungen eines Mordfalls verstrickt. Obwohl der Krimi echt spannend war, konnte ich mich nicht richtig konzentrieren. Kaum zu glauben, aber die Samtstimme hatte doch tatsächlich wieder angerufen. Er berichtete von seinem Kongress. Ein gewisser Dr. Montgomery schien eine Koryphäe auf seinem Gebiet zu sein. Jedoch schien er etwas beunruhigt, dass seine Süße sich nicht rührte und wollte ganz bald wieder anrufen. Ich nahm mir vor morgen etwas zeitiger aus dem Büro nach Hause zu kommen, vielleicht war ich ja dann zu Hause, wenn er anrief. Ja, das war eine gute Idee.